Sonntag, 30. Oktober 2016

Zum Nachdenken: Über die Weisheit von Beziehungen

“Die Welt des Selbst wird einverleibt durch das Ich, die Welt der Weisheit ist gefüllt mit Wir. Weisheit ist nicht ein Wechsel vom Mir zu Dir, sondern ein Wechsel vom Mir zu Uns. […]

Weisheit sieht alles Leben durch Beziehungen - unsere Beziehung zu Gott, unsere Beziehung zu anderen, unsere Beziehung zur Natur. Es geht nicht um Selbstverleugnung, sondern das Anerkennen, dass unser bestes Selbst nur entdeckt werden kann, wenn wir andere als über uns betrachten. Wenn wir in Weisheit wandeln, können wir uns selbst nicht einmal außerhalb des Kontextes von Beziehungen denken. […]

Wenn wir wachsen, beginnen mehr und mehr Dinge, sich zu verbinden. Wenn wir in der Weisheit Gottes wachsen, beginnen wir zu erkennen, dass alles verbunden ist. Weisheit befreit uns von unverbundenen Lebensweisen. Weisheit befreit uns vom einschränkenden Aberglauben und von zerbrochenen Beziehungen, die uns kaputt machen.“

- Erwin Raphael McManus, Uprising: A Revolution of the Soul, Nashville: Thomas Nelson 2003, 240f.

Montag, 3. Oktober 2016

Lebst Du Dein Leben vom Ende her?

In den letzten Tagen las ich John Streleckys Buch “The Big Five for Life“, in dem es um die Führungsperson Thomas Derale geht. Thomas schaut mit 55 Jahren auf sein Leben zurück, das in wenigen Wochen aufgrund eines Gehirntumors enden wird, und nun reflektiert und kommuniziert er seine Geheimnisse über Leadership und das Leben in diversen Situationen und Dialogen. Als stilistisch leicht zu lesen- der Narrativ kann ich das Buch jedem empfehlen, der mehr zum Thema wissen will, weil es ein sehr ganzheitliches Konzept von Leadership liefert, die Möglichkeit einer besseren Arbeitswelt erträumt (die es hauptsächlich thematisiert) und eben durch die Form sehr zugänglich ist. 

Welcher Gedanke hat mich nun besonders herausgefordert? Wie bereits erwähnt, lässt sich dem Buch viel Weisheit entnehmen, die am Schluss auch nochmals kompakt zusammengefasst ist, um sie sich immer wieder mal ins Gedächtnis zu rufen. Letztlich hat mich aber von allem eine Frage gepackt, nämlich:

Lebe ich mein Leben von seinem Ende her?

Dahinter steckt die Annahme, dass jeder ein persönliches Lebensziel hat, warum er/sie lebt, sozusagen die Eigenmotivation bzw. die Berufung. Die gilt es, in jedem Fall herauszufinden, und hängt essentiell mit meinem Weltbild zusammen, mit meinen Werten etc. Das heißt, ich tue gut daran, mir darüber im Klaren zu werden, was das für mich bedeutet, warum und wofür ich eigentlich lebe - oder werde ich gelebt?

Ich als Christ kann diese erste Frage nach dem Warum für mich relativ einfach beantworten. Denn auch wenn es theologisch natürlich etliche Differenzen gibt, wird es irgendwas mit Gott, mit Seinem Willen und mit meiner Beziehung zu Ihm zu tun haben (ausführlicher habe ich diese Frage hier thematisiert). Um es platt auszudrücken: Ich muss oder sollte mir aus Sicht meines christlichen Weltbildes zunächst einmal keine allzu großen Sorgen machen, weil der große Narrativ der Bibel damit endet, dass alles gut wird, weil Gott gut ist, es gut meint und gut vollenden wird. 

Aber das beantwortet noch gar nicht zwingend die Frage, was ich konkret mit meinem Leben anfangen will.  

Dafür verknüpft Strelecky das persönliche Lebensziel mit fünf kon- kreten Dingen - mit den sog. “big five for life“ -, die ich erlebt, erreicht oder gesehen haben will, bevor ich sterbe. Für den einen mag eins dieser fünf Dinge eine Weltreise sein, für den Nächsten ist eins davon möglichst gute Beziehungen, und für einen Dritten bedeutet es, eine bestimmte Stellung oder Position erreicht zu haben. 

Aus meiner Sicht sind die “big five for life“ also v.a. darum spannend, weil die wenigsten von uns Menschen praktisch mit der Erwartung leben, irgendwann einmal zu sterben. Theoretisch wissen wir darum, und ab einem bestimmten Alter kommt vielleicht auch häufiger mal der Gedanke darüber. Aber haben wir bis dato auch tatsächlich unser Leben so gelebt, wie wir wollten?  Oder schauen wir zurück und ärgern uns, dass wir nie dieses oder jenes gewagt haben, zu viel Zeit mit Unnützem verbracht haben usw.?

Strelecky leitet von den “big five for life“ - vielleicht etwas amerika- nisch - das Konzept von Erfolg ab, sprich ich habe mein Leben dann erfolgreich gelebt, wenn ich meine “big five“ sozusagen abgehakt habe. 

Sicher kann man diesen Gedankengang als zu pragmatisch und machbar beiseite schieben; und das Konzept hat definitiv seine Schwächen, allein deshalb, weil das Leben weniger berechenbar ist als ein sonst übliches Projekt, das es zu managen gilt. Dennoch möchte ich persönlich Streleckys Gedanken weiter prozessieren und das Gute rausziehen, und zwar zumindest in zweierlei Hinsicht

1. Selbstverwirklichung vs. Jesus-Nachfolge?

 Bei uns Christen (v.a. im Westen) habe ich oft das Gefühl, dass wir unser Christsein als Lebensversicherung verstehen, die uns ereilt, wenn es zuende geht. Bis dahin leben wir in erster Linie mit Blick auf uns selbst, unsere Familie, unseren guten Job und dergleichen und betätigen uns nebenher vielleicht noch in der Gemeinde, lesen ab und an mal in der Bibel usw. Wo ist aber die echte Jesusnachfolge mit dem Anspruch geblieben, zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit zu streben (vgl. Mt 6,33)? Ich nehme mich da selbst gar nicht raus. Aber wir reden mittlerweile soviel über Berufung, über unsere Stärken und Persönlichkeit, dass wir dabei gern mal unsere allererste Berufung vergessen, nämlich Jesus nachzufolgen. Ich bin mir der schwierigen Spannung bewusst, hier nicht wiederum in altbekannte Dualismen zu verfallen. Denn die Welt ist natürlich auch Gottes Schöpfung, ich will keinesfalls in irgendeinen Asketismus verfallen o.ä. Aber mir jedenfalls fällt es aktuell eher schwerer, nicht auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen und als Christ überhaupt keinen wesentlichen Unterschied mehr zu machen. Und missionale/ kontextuelle/ gesellschaftstransformatorische Theologie liefert mir zwar eine gute und durchaus sinnvolle Rechtfertigung, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun, die kulturell einfach suboptimal sind, mich dann aber auch mit einer gewissen Handlungsunfähigkeit zurücklässt. Und da bezeugt mir das Neue Testament einfach ein anderes Bild. Um sich in dieser Unsicherheit immer wieder neu zu fokussieren, kann ein solches Konzept als ein Kompass helfen, um sich immer wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren (vorausgesetzt, ich habe das Wesentliche vorher für mich klar definiert).

2. Das Leben als zeitlich abgesteckte Herausforderung und Chance

Egal ob Christ oder Nicht-Christ, die meisten von uns leben nicht vom Ende her mit dem Bewusstsein, dass das irdische Leben irgendwann aufhört. Denn für uns wirkt das in erster Linie bedrohlich; selbst ich, der ich mich “Christ“ schimpfe und eine Hoffnung auf die Ewigkeit besitze, empfinde nicht anders. Und das dürfte seinen Grund darin haben, dass wir dieses Ende eben als negativ verstehen. Aber ist das eigentlich so? Warum muss ich (hier)  ewig leben? Kann es nicht auch sehr attraktiv sein zu wissen, dass ich für eine bestimmte Zeit hier bin, um etwas Sinnvolles aus diesem Leben zu machen? Schon im 2. Brief an Timotheus heißt es von Paulus, er habe den guten Kampf gekämpft und den Lauf vollendet (2 Tim 4,7); und schon Jesus selbst war sich seines klaren und zeitlich angegrenzten Auftrages bewusst. Um diesen Rahmen etwas besser abzustecken, können mir die “big five for life“ helfen, die mir hier gegebene Zeit sinnvoll und v.a. bewusst zu nutzen. Wie gesagt, das Konzept hat seine Grenzen, und letztlich weiß ich nie, wie lange ich noch zu leben habe. Aber ist es nicht eine sehr schöne und reizvolle Vorstellung, an einem Punkt im Leben zurückzublicken und sagen zu können: “Ich habe wirklich das Beste aus meinem Leben gemacht und könnte theoretisch jetzt sterben“? Das muss ja gar nicht der letzte Atemzug sein - wenn nicht, umso besser. Aber zumindest mir, als Aufgaben-orientierte Person, hilft der Gedanke ungemein, mein eigenes Leben auch als Aufgabe zu betrachten, die es anhand meiner abgesteckten Lebensvision möglichst gut zu meistern gilt. Vielleicht stresst das andere Persönlichkeitstypen ungemein; mich jedenfalls ermutigt das eher und gibt mir v.a. eine Perspektive, den Tod und damit das Ende meines irdischen Lebens als viel weniger bedrohlich anzusehen. 

Die Gedanken sind natürlich alle nicht wirklich neu. Die Frage ist nur: Setze ich diese Gedanken tatsächlich um? Stelle ich die entsprechenden Weichen und habe den Mut, der manchmal nötig ist, ganz neue Wege einzuschlagen? Gehe ich dem Job nach, für den ich geschaffen bin, weil ich mich beharrlich damit auseinandergesetzt habe? Oder lebe ich eigentlich nur die paar Stunden nach meiner Arbeit und fange erst dann an, wirklich zu leben? Und habe ich mich auch sonst auf die (für mich) wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben konzentriert oder muss ich bei der Informationen über meinen baldigen Tod feststellen, dass ich jetzt nur noch wirklich wichtige Dinge tun will? 

Und auch ganz selbstkritisch muss ich dann letztlich fragen, ob mir solch ein Buch wie dieses nicht wie der übliche Zeitgeist suggeriert, dass ich noch mehr schaffen muss, obwohl ich eigentlich mehr Zeit mit meiner Familie, mit Freunden usw. verbringen sollte. Ja, diese Gefahr besteht ebenfalls - es sei denn, ich sorge dafür, dass eine der big five auch intensive Beziehungen sind; das hängt ja gerade an mir selbst und meiner Planung :-).

Donnerstag, 21. Juli 2016

Zum Nachdenken: Heschel über Religion und Rassismus



In Zeiten, in denen es (nicht nur) in Amerika drunter und drüber geht, lohnt es sich, mal wieder eine Dosis Heschel ernst zu nehmen - 40 Jahre alte Gedanken, aber brandaktuell:

“At the first conference on religion and race, the main participants were Pharaoh and Moses. […]

The outcome of that summit meeting has not come to an end. Pharaoh is not ready to capitulate. The exodus began, but is far from having been completed. In fact, it was easier for the children of Israel to cross the Red Sea that for a Negro to cross certain university campuses. […]

Religion and race. How can the two be uttered together? To act in the spirit of religion is to unite what lies apart, to remember that humanity as a whole is God’s beloved child. To act in the spirit of race is to sunder, to slash, to dismember the flesh of living humanity. Is this the way to honor a father: to torture his child? How can we hear the word ’race’ and feel no self-reproach? […]

As a standard of values and behavior, race operates as a comprehensive doctrine, as racism. And racism is worse than idolatry. Racism is satanism, unimitigated evil. 

Few of us realize that racism is man’s gravest threat to man, the maximum of hatred for a minimum of reason, the maximum of cruelty for a minimum of thinking.“

- Abraham J. Heschel, Religion and Race (1963), in: Ders., The Insecurity of Freedom. Essays on Human Existence, New York: Farrar, Straus & Giroux 1967, 85f.

Freitag, 10. Juni 2016

Zum Nachdenken: Moltmann und messianischer Lebensstil

“Messianischen Lebensstil kann man nicht ’machen’. Nicht Übung macht hier den Meister, sondern das Leiden und die Hoffnung. Dieser Stil wird vom Geist geschaffen, wo Menschen persönlich und gemeinsam ihr Leben und ihre Lebensgeschichte in der umgreifenden Geschichte Christi entdecken und an der Geschichte Gottes mit der Welt teilnehmen. Die Wiedergeburt des einzelnen und der Gemeinschaft wird dann zum Zeichen und Fragment der kommenden Wiedergeburt der ganzen Schöpfung. Die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten führt in die Gemeinschaft der messianischen Leiden der Welt. die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen führt in den Anbruch der Freiheit der messianischen Zeit. Von der messianischen Geschichte Gottes her beginnt das in Schmerzen wiedergeborene Leben zu leuchten, aber nicht aus eigener Kraft. Seine Fragment und Ansätze werden zu gelebten und erlittenen Wegzeichen der Hoffnung für andere. Wer ernsthaft nach dem ’Sakrament des Geistes’ und seinen Zeichen fragt, wird an diesen Zeichen des gelebten Lebens nicht vorübergehen. In der Lebensgemeinschaft mit dem Messias wird sein Leben selbst zum messianischen Zeichen geprägt werden.“

- Jürgen Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes. Ein Beitrag zur messianischen Ekklesiologie, 2. Aufl. Gütersloh 1989, 314f.

Sonntag, 29. Mai 2016

Zum Nachdenken: Moltmann und die Ghettoisierung der Christenheit

“Kirche erschöpft sich nicht darin, daß Menschen zu ’Kirchgängern’ werden. Sie existiert auch nicht nur im Gottesdienst am Sonntagmorgen. Sie ist in der Weltchristenheit familiär, sozial und politisch präsent, aber nicht als Kirche, sondern als Christenheit, nicht durch den Klerus, sondern durch die fälsch ’Laien’ genannten Christen. Für die gottesdienstlichen und gemeindlichen Versammlungen sind die beauftragten Pfarrerinnen und Pfarrer, Pastorinnen und Pastoren zuständig, in den Fragen der Weltchristenheit aber sind sie die ’Laien’ und die Laien sind die beauftragten Spezialisten. […] 

Statt einer hierarchischen Aufteilung in Klerus und Laien und an Stelle der separatistischen Ghettoisierung der Christenheit in der Kirche sprechen wir von den beiden Lebensbewegungen der Christenheit: ihrer Sammlung zur Gemeinde und ihrer Sendung in ihre Berufe an der Gesellschaft.“

- Jürgen Moltmann, Der Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie, Gütersloh 1991, 247.

Montag, 7. März 2016

Das Theologiestudium: Was es leisten muss bzw. will und was nicht (inkl. kurzer Rezension zu “Handbuch Theologische Ausbildung“ von Bernhard Ott)

Seit einiger Zeit bin ich ja als Studienleiter von IGW am Standort Frankfurt unterwegs und bekomme dadurch zahlreiche Einblicke nicht nur in das Leben meiner Studierenden, sondern auch deren Gemeinden, denn unsere Studis studieren ja dual und erleben so von Beginn an das volle Maß an Praxis. Ich dagegen bringe mit meiner eigenen Bildungsbiographie durch diverse universitäre Studiengänge v.a. theoretisches Know-How mit, dessen Stärken ich absolut schätze. Gleichzeitig hatte ich zu jeder Zeit immer auch das Glück, von fitten Mentoren begleitet und reflektiert zu werden und genügend Einsatz- und Entwicklungs- möglichkeiten in diversen Gemeinde(gründunge)n, sodass ich nun ziemlich gut gerüstet bin für all die Herausforderungen, die mir tagtäglich begegnen. Allerdings: Allein mit dem Uni-Studium hätte das nie geklappt.

Im Zuge dieser und anderer Erfahrungen stellt sich mir deshalb immer wieder die Frage: Was kann und muss ein Theologiestudium leisten und was nicht? Und ist überhaupt “Studium“ die richtige Bezeichnung oder der richtige Ansatz? Egal, ob Du gerade selbst vor der Frage stehst, Theologie zu studieren, oder ob Du das bereits hinter Dir hast und/oder in der Rolle bist, anderen ein solches Studium zu empfehlen, weil Du Potenzial in ihnen als Führungs- persönlichkeiten siehst: Diese Frage betrifft Dich und sollte Dich betreffen. Denn es geht ja nicht nur um die Investitionen Zeit und Geld, sondern auch um entscheidende Prägungen, die jemand mitkriegt (oder eben nicht).

Eine erste wichtige Frage dabei betrifft den Zweck: Wozu studiere ich Theologie? Während die Frage der Motivation (als des Warum) sehr unterschiedlich ist und mit der individuellen Berufung zu tun hat, lässt sich die Motivation zumindest grob in zwei Richtungen aufteilen (die sich natürlich auch überschneiden können), nämlich: 

Will ich v.a. fachwissenschaftlich als Theologe ausgebildet werden oder geht es mir um eine praktische Tätigkeit in der Kirche (bzw. anderswo in der Gesellschaft)? Oder gehört beides gar zwingen- derweise zusammen? 

Je nach dem wird mein Verständnis von “Theologiestudium“ sehr unterschiedlich ausfallen. Ich für meinen Teil kannte bei Eintritt in mein Theologiestudium diese Unterscheidung so nicht, hatte aber das Glück, dass sich meine Wünsche und Erwartungen mit der Realität des Studiums deckten: Ich wollte fachwissenschaftlich tief graben, hatte ich doch meine Motivation zum Studium überhaupt erst durch exegetische Grundlagenliteratur erhalten.

Nun ist dies aber nicht die Realität der meisten Theologiestudie- renden: Zuletzt nochmal auf der EXPONENTIAL-Konferenz im Januar dieses Jahres, aber auch schon seit Einstieg bei IGW bzw. komme ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass wir zu allererst (theologisch kompetente) Führungskräfte ausbilden sollten, weil a) der Großteil der Theologiestudierenden mit dem Ziel der praktischen Arbeit studiert, und weil b) die Praxis ein wichtiger Indikator für die Relevanz von theologischer Forschung ist (am Ende mehr dazu). Zum Theologiestudium gehört deshalb auch ein gehöriges Maß an typisch theologischem Know-How, und mancher hat auch in diesem Bereich einen Schwerpunkt, entweder auf der Gemeindeebene als Lehrer oder gar auf einer übergeordneten Ebene, um durch neue theologische Impulse Kirche und Gesellschaft in eine neue Richtung zu bringen; in ebendieser Funktion sehe ich mich selbst, Dinge vorzudenken und dann weiterzugeben, was aber nicht jedermann/-frau selbst tun muss. 

Mindestens genauso wichtig sind aber die sog. “soft skills“, die Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte, denen Daniel H. Pink im konzeptionellen Zeitalter (in dem wir uns bereits befinden) auch im wirtschaftlichen Sektor höchste Priorität beimisst; spätestens jetzt müssten theologische Ausbildungsstätten also umdenken, sofern man den Anspruch hat, zeitgemäß und v.a. ganzheitlich für den Dienst  auszubilden. Dass das an den Universitäten ja nicht zwingend beabsichtigt ist, kann aufgrund ihrer Forschungs-Orientierung damit also legitim sein, sofern das auch entsprechend kommuniziert wird bzw. dem Interessenten bewusst ist; wenn ich allerdings Pfarrer werden will und auf das universitäre Studium angewiesen bin, müsste das Vikariat zumindest den Bereich der soft skills abdecken (und gleichzeitig können die ersten 5-7 Jahre an der Uni aufgrund ihrer Theorielastigkeit dann zur Qual werden).

Ich kann konkret nur für uns sprechen: Wir von IGW bilden aus diesem Grunde seit dem letzten Jahr konsequent kompetenzorientiert aus, weil wir eben Führungskräfte (sprich: Leiter) ausbilden wollen: Neben der theologischen und Forschungskompetenz ist es uns darum wichtig, dass (zukünftige) Pastoren, Gemeindeleiter und -gründer auch geschult werden in den Bereichen: Spiritualität, Kommunikation, Führung und Sozialkompetenz. D.h. hard und soft skills sind uns gleichermaßen wichtig für eine erfolgreiche Führung bspw. einer Kirchengemeinde. Und ganz nebenbei gesagt: Natürlich ist damit auch der Quereinstieg als Führungskraft im säkularen Business noch viel besser möglich.

Dass diese Theorie-Praxis-Verknüpfung mittlerweile auch bei immer mehr theologischen Ausbildungsstätten an Bedeutung gewinnt, freut mich natürlich besonders. Und auch von wissenschaftlicher Seite aus gibt es bereits seit einigen Jahren das Standardwerk “Handbuch Theologische Ausbildung“ von Bernhard Ott, das ich aus gegebenem Anlass kurz vorstellen möchte. Ott kommt nämlich zu sehr ähnlichen Erkenntnissen, wie schon der Buchtitel “Theologische Ausbildung“ erahnen lässt. Ausgehend von der Umbruchssituation im Bildungssektor (Ökonomisierung, Internationalisierung, Individualisierung, Qualitätsmanagement), erörtert Ott die spezielle Ausbildung kirchlicher Führungskräfte, und zwar anhand sog. “Grundlagen- und Handlungskompetenzen“ (Kap. 1), die weitestgehend deckungsgleich sind mit denen, die wir bei IGW entwickelt und von denen wir uns natürlich auch inspiriert haben lassen. Während das zweite Kapitel die internationale Diskussion und unterschiedliche theologische Ausbildungskonzepte in den Blick nimmt, geht Ott gleichermaßen auf säkulare bildungstheoretische Grundlagen ein (Kap. 3), gefolgt von biblisch- und systematisch-theologischen Überlegungen für eine Theologie der theologischen Ausbildung (Kap. 4). Davon abgeleitet, hebt er die Zusammenge- hörigkeit von Theorie und Praxis hervor (Kap. 5), leitet daraus curriculare Konsequenzen ab (Kap. 6) und erläutert Grundlagen eines Qualitätsmanagements für theologische Ausbildungsstätten (Kap. 7), bevor er schließlich anhand der Bilder Kopf, Hand und Herz den Stellenwert von Führung in theologischer Ausbildung forciert (Kap. 8). 

Ott ist ein fundiertes und ausgewogenes Werk gelungen, in dem er sich auch nicht davor scheut, kritische Anfragen zu stellen, wenn es bspw. um den theologischen Fächerkanon geht. Im Sinne missionaler Theologie, zu deren Verfechtern er gehört, muss die kirchliche Führungskraft ja dafür sorgen können, dass ihre Gemeinde Teil der Mission Gottes wird, sich also auf den Weg macht und unter der Leitung des Heiligen Geistes die Stadt transformiert. Aber: Was von der traditionellen theologischen Lehre hilft dabei wirklich und was müsste ggf. durch anderes ersetzt werden, um den Umfang des Curriculums nicht völlig zu sprengen? Ohne die Antworten darauf an dieser Stelle leichtfertig zu verraten, sei lediglich gesagt, dass Ott mit seiner biblisch-historischen und systematischen Herangehensweise diese Frage in Kap. 4 tiefgründig angeht, was exemplarisch die hohe Qualität des Werkes widerspiegelt. Wer mit theologischer Ausbildung zu tun hat - sei es als Studienleiter, Dozent oder auch als (zukünftiger) Student -, dem lege ich dieses Werk deshalb wärmstens ans Herz. Denn es bietet etliche Facetten, um dem Nutzen eines Theologiestudiums auf den Grund zu gehen. Sicher kann und darf und soll damit auch völlig zweckfrei studiert werden; in den meisten Fällen sieht das aber doch anders aus.

Ob im Sinne Otts damit besser von “theologischer Ausbildung“ zu sprechen ist, weil es sich ihm zufolge um das Erlernen von Handwerkszeug handelt, sei mal dahingestellt. Denn das hängt maßgeblich davon ab, ob ich einen Schwerpunkt in der Praxis oder mehr in der Theorie lege. Dass aber beides unweigerlich zusammengehört, bleibt für mich außer Frage, denn Theologie ohne Praxisanbindung verkommt zu schnell zu trockener und v.a. irrelevanter Theorie. Sollte sie aber nicht immer im Dienst und zum Wohl der Kirche sein? So jedenfalls lautet mein Verständnis, was natürlich nicht heißt, dass Theologie nicht gerade auch die Funktion des kritischen Korrektivs besitzt. Und in ebendieser Weise sollten dann doch auch ihre Verantwortungsträger ausgebildet werden, oder nicht?! Das muss nicht zwingend IGW sein, sondern kann auch über die Uni funktionieren. Mir jedenfalls zeigt aber die Praxis, dass die theologische Ausbildung/das Theologiestudium doch nicht ganz unausschlaggebend für die spätere Laufbahn ist.

Freitag, 5. Februar 2016

“Der beste Job der Welt“


“Pfarrerinnen und Pfarrer üben einen faszinierenden Beruf aus. Er ist vielfältig, herausfordernd und immer dicht am Menschen. 26 Frauen und Männer aus unterschiedlichsten Gemeinden berichten in diesem Buch ehrlich und persönlich von ihrer Motivation, dieser besonderen Berufung nachzugehen; von ihrem beruflichen Werdegang sowie über Freuden und Herausforderungen ihres Alltags im Diest für Gott.

Herausgekommen ist dabei ein Ermutigungsbuch - und eine spannende Lektüre für Theologiestudierende und Gemeindemitglieder, aber natürlich auch für Pastoren aller Denominationen.“ 

- Fritz Peyer-Müller (Hg.), Der beste Job der Welt. Theologen, Pfarrer und Pastoren über ihre Berufung. Schwarzenfeld: Neufeld, 2015 (Zitat von der Rückseite)


Mit diesem Zitat ist der Nagel des neuen Bandes der IGW-Edition aus dem Neufeld-Verlag tatsächlich auf den Kopf getroffen. Wer ihn bisher (immer) noch nicht zur Kenntnis genommen hat, sollte dies schnellstens nachholen. Denn es handelt sich tatsächlich um ein Ermutigungsbuch. Die Struktur der persönlichen Stories sind weitestgehend einheitlich gestaltet, aber natürlich ist ihr Inhalt so unterschiedlich, wie Menschen unterschiedlich sind. Beiträge stammen u.a. von Steffen Beck und Leo Bigger (ICF), Martin Bühlmann (Vineyard), Toby Faix (CVJM-Hochschule Kassel), Freimut Haverkamp (Hillsong Germany) und Artur Siegert (Kirche für Oberberg). Und so lege ich jedem dieses Buch ans Herz, der/die

a) Ermutigende Lebenszeugnisse gern liest,
b) Ermutigung darin findet zu sehen, in welch breitem Spektrum Gott von Frömmigkeit aber auch Führungsposition Gott Seine Leute einsetzt,
c) selbst auf der Suche nach der eigenen Berufung ist und ermutigt werden möchte, dass es eben nie den Ideal-Standard-Weg der Berufung gibt, sondern Gott mit jedem/r einzelnen Seine ganz eigene Geschichte schreibt.